15
Jun
09

countdown

Seit heute morgen sind wir in der WG nur noch zu zweit, Markos hat sich nach Kanada abgesetzt. Was heißt abgesetzt, er besucht dort für drei Wochen einen Freund (in Montreal) und reist danach direkt zu seiner restlichen Familie nach Griechenland. Meinte er zumindest. Jedenfalls sind Stefan und ich jetzt auf uns gestellt. Das heißt, Stefan wird in knapp zwei Wochen ganz alleine sein, dann nämlich ist meine Zeit hier zu Ende und ich werde erstmal wieder nach Nettetal zurückkehren. Und dann, irgenwann, wenn ich Zeit und Muse habe, und zumindest die Muse hat mich in meiner Zeit hier ziemlich oft alleine gelassen, werde ich noch einen ausführlichen Rückblick schreiben.
Aber bis dahin ist noch etwas Zeit, die ich damit verbringen muss, meine Hausarbeit zum Thema Jugendfilm zu schreiben. Dafür habe ich gerade den Film „Berlin am Meer“ gesehen.

Im Film geht es um den Anfang-Zwanziger (natürlich) Tom, der in Berlin (natürlich) in einer angesifften WG lebt (natürlich) und versucht, mit seinem besten Kumpel eine Musikkarriere zu starten (natürlich). Dabei kommt Tom aber die Liebe in den Weg, in Form der Schwester seines Mitbewohners, die ein Praktikum in Berlin macht. Es folgen Partys, Verwirrungen und für Tom die ultimative Erkenntnis: „…dass alle Geschichten irgendwie mit Liebe zu tun haben…“ und dass es letzlich „nur wichtig ist, mit welchen Leuten diese Geschichten erlebt hat“ (frei aber sinngemäß zitiert).
Der Film versucht auf der momentanen „Berlin ist hip“-Welle mitzuschwimmen und thematisiert ansatzweise den Hype um Berlin, verstärkt ihn aber eher noch, als dass er sich irgendwie mit der Berliner Realität auseinandersetzt. Die Erzählperspektive bleibt dabei meist bei Tom, gespielt von Robert Stadlober, der sich für den Film seine Harre hat schwarz färben lassen (natürlich) und schildert uns seine hippen Clubabende, eine ausufernde Party und Saufabende auf der Spree.
Man kann den Film aufgrund handwerklicher Mängel kritisieren, aber das will ich mir nicht anmaßen. Viel eher fällt auf, dass das Bild von Berlin, welches der Film zeichnet, eigentlich nur ein popkulturelles Abziehbild einer Stadt ist. Denn Berlin ist eben nicht die Party, der Startpunkt für jeden Kreativen (oder jene, die sich dafür halten), Berlin ist nicht der Dönermann um die Ecke den man duzt, auch keine Siff-WG in Kreuzberg.  Berlin ist zunächst einmal eine sehr große Stadt mit sehr vielen Leuten drin. Darüberhinaus ist Berlin für jeden Besucher und erst recht für jeden Bewohner eine andere, eigene Erfahrung. Deshalb stört es mich, dass „Berlin am Meer“ nur eine Reproduktion einer Illusion ist und nicht auch nur ansatzweise diese Illusion hinterfragt oder deutlich macht.

Darüberhinaus kann man sich den Film aber gut anschauen. Ist halt ein bisschen zu Happy End für meinen Geschmack und kommt über die gängigen Hollywood-Klischees und Style-Exzesse nicht hinaus. Aber der Film lohnt sich eigentlich alleine schon wegen Jana Pallaske.

In diesem Sinne,

J-


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